UN-Jahr der Landwirtin
Frauen, die Landwirtschaft prägen

Wenn Anna morgens gegen halb sechs in den Stall kommt, prüft sie zunächst die Daten des Melkroboters am Computer. Dann kontrolliert sie die Kühe, versorgt die Kälber und kümmert sich um die Fütterung und die Liegeboxen. Noch bevor der Familienalltag beginnt, hat sie bereits einen Teil ihrer Arbeit als Betriebsleiterin erledigt.

Die Landwirtin führt den Bioland-Betrieb bei Röthenbach im Westallgäu in dritter Generation. Auf 720 Metern Höhe hält die Familie 35 Braunviehkühe mit Nachzucht und bewirtschaftet etwa 42 Hektar Grünland. Seit 2018 trägt sie die Verantwortung für den Hof.

Dass die 39-jährige einmal Landwirtin werden würde, war zunächst keineswegs selbstverständlich. Vor ihrem Landwirtschaftsstudium in Weihenstephan absolvierte sie eine Schreinerlehre. Der Gedanke, den elterlichen Hof zu übernehmen, entwickelte sich erst später. Nach dem Studium hat sie zunächst als Rinderzuchtberaterin bei der AHG in Kempten gearbeitet. Sie empfindet es als wertvolle Aufgabe und große Ehre, den Hof weiterzuführen. „Der Hof ist für mich eine Leihgabe. Ich möchte ihn bestmöglich verwalten und irgendwann an meine Kinder weitergeben.“ Mit Tieren und Boden müsse sorgsam und wertschätzend umgegangen werden. „Wir arbeiten mit Sinn“, erläutert Anna. „Was hier von Generation zu Generation weitergetragen und weitergegeben wird, ist enorm.“

Das letzte Wort hat die Betriebsleiterin

Die Hofübergabe vor acht Jahren verlief sehr offen und respektvoll. Ihre Eltern arbeiten weiterhin mit. Der Vater unterstützt Anna in vielen Bereichen tatkräftig, die Mutter half bis zum Einbau des Melkroboters täglich beim Melken und ist weiterhin eine wertvolle Stütze. Die Entscheidungen trifft inzwischen Anna. „Das letzte Wort habe ich.“ Als Betriebsinhaberin hat sie gelernt, ihre Position deutlich zu vertreten. „Ich denke, man nimmt mich ernst. Man muss aber auch standhaft bleiben und klare Ansagen machen.“ Die größte Investition unter ihrer Leitung war der Einbau des Melkroboters. Für einen Betrieb mit 35 Kühen ist diese Entscheidung ungewöhnlich.

Der Melkroboter ist täglich im Einsatz, erleichtert die Arbeit und entlastet insbesondere die über 70-jährigen Eltern. Die Kühe hätten sich schneller an die neue Technik gewöhnt als die Menschen, schmunzelt Anna. Tiergesundheit, Langlebigkeit und robuste Kühe sind ihr wichtiger als reine Höchstleistungen.

Der Betrieb liefert Biomilch an die Kisslegger Käsefreunde. Die Landwirtin identifiziert sich mit deren Philosophie, achtet aber zugleich darauf, dass der Betrieb wirtschaftlich bleibt. „Ich bin sehr dahinter, dass wir mit unserem Hof die Familie ernähren können.“ Nachhaltiges Wirtschaften könne dauerhaft nur funktionieren, wenn neben den ökologischen auch die ökonomischen Voraussetzungen stimmen.

Zwischen Stall, Büro und Familie

Anna und ihr Mann haben drei Kinder im Alter von 8 bis 2 Jahren. Ihr Mann arbeitet halbtags als IT-Administrator, übernimmt einen wichtigen Teil der Familienarbeit und hilft auf dem Hof mit. Morgens macht er die Kinder fertig und mittags bringt er sie wieder nach Hause. Zwischen Stall, Büroarbeit, Haushalt, Kinderbetreuung und Außenwirtschaft ist viel Organisation erforderlich. „Die ganze Verantwortung hier zu haben, ist nicht ohne“, stellt sie fest. Die Landwirtschaft lasse sich nur begrenzt planen, da immer wieder unvorhersehbare Aufgaben hinzukämen. Umso wichtiger ist es, dass ihr Mann mitzieht und die Familie gemeinsam nach Lösungen sucht.

Freiräume müsse man sich bewusst schaffen. Anna fährt gerne Mountainbike, geht in die Berge und spielt in der Musikkapelle. Während einer Radtour am Vormittag wurde ihr einmal besonders deutlich, welche Freiheit ihr Beruf trotz aller Verpflichtungen bietet. „Da habe ich mir gedacht: Ich möchte keinen anderen Beruf machen.“

Gleichzeitig erlebt sie, dass die Leistungen von Frauen in der Landwirtschaft häufig unterschätzt werden. Viele Frauen behalten Familie, Betrieb, Termine, Organisation und Finanzen gleichzeitig im Blick. „Frauen können zehn Dinge gleichzeitig machen und trotzdem den Überblick behalten. Frauen sind Top-Managerinnen“, lacht Anna.

Vor allem Arbeiten, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind, würden oft übersehen. Wer auf dem Traktor sitzt, wird wahrgenommen. Die Arbeit im Stall, im Büro oder in der Familie bleibt dagegen vielfach im Hintergrund.

Jungen Frauen, die einen Hof übernehmen möchten, rät sie dennoch eindeutig zu diesem Schritt. „Sie sollen es auf alle Fälle machen.“ Es brauche Mut, Leidenschaft und Durchhaltevermögen. Vor allem dürfe man bei Schwierigkeiten nicht gleich aufgeben. Denn die Landwirtschaft erfülle eine grundlegende Aufgabe: „Wir sollten immer im Hinterkopf behalten, dass wir hier die Lebensmittel erzeugen. Ohne Bauern gibt es kein Essen.“

Ein Hof voller Vielfalt

Während bei Anna Schuster moderne Technik den Arbeitsalltag erleichtert, prägen auf dem Hof von Andrea Leinthaler Vielfalt, alte Nutztierrassen und weitgehende Selbstversorgung das Leben. Andrea und ihr Mann Hans-Peter kauften den damals teilweise verfallenen Hof im Jahr 1998 und bauten ihn Schritt für Schritt für ihre Bedürfnisse aus. Heute leben dort Alpine Steinschafe, verschiedene alte Hühnerrassen, Bayerische Landgänse, Islandpferde, Schweine, ein Hund und mehrere Katzen. Ein großer Gemüsegarten, die eigene Tierzucht und die Verarbeitung der erzeugten Lebensmittel ermöglichen der Familie eine weitgehende Selbstversorgung. Auch die Hühner werden mithilfe eines Brutapparats selbst nachgezogen.

Den größten Teil der täglichen Arbeit auf dem Hof übernimmt Andrea mit ihren Kindern. Sie organisiert die Versorgung der Tiere, begleitet die Nachzucht und trägt die Verantwortung für die Herdbuchzucht der Alpinen Steinschafe. Dabei nutzt sie das Fachwissen aus ihrem Landwirtschaftsstudium ebenso wie ihre jahrzehntelange praktische Erfahrung. Der Erhalt alter Rassen ist für sie keine nostalgische Liebhaberei, sondern eine bewusste züchterische Aufgabe.

Ihr Mann betreut vor allem die Bienen und engagiert sich als Vorsitzender in der Schafzucht.

Daneben hält sie unter anderem Sulmtaler Hühner, Proveis-Ultentaler Hühner, Schwedische Blumenhühner und Seidenhühner. Dass sie sich für gefährdete Nutztierrassen einsetzt, ist kein zufälliges Hobby, sondern eng mit ihrem fachlichen Werdegang verbunden. Andrea ist Diplom-Agraringenieurin. Schon während ihres Studiums in Weihenstephan beschäftigte sie sich intensiv mit dem Verhalten von Nutztieren und dem Erhalt alter Rassen. Besonders prägten sie die Vorlesungen des Nutztierwissenschaftlers Prof. Hans Hinrich Sambraus. Auch ihre Diplomarbeit widmete sie gefährdeten Nutztierrassen.

Mehr als die Mutter von zehn Kindern
Andrea und ihr Mann lernten sich während des Studiums kennen. Ihr ältester Sohn wurde noch in dieser Zeit geboren. Als sie ihre Diplomarbeit schrieb, war sie bereits mit dem zweiten Kind schwanger. Insgesamt bekam das Paar zehn Kinder. Heute ist die Landwirtin 58 Jahre alt, ihre Kinder sind zwischen elf und 31 Jahre alt. Auch beruflich blieb sie der Tierhaltung verbunden. Viele Jahre arbeitete sie beim Landeskuratorium der Erzeugerringe für tierische Veredelung in Bayern im Bereich der Milchleistungsprüfung.
Ihre Familie ist ein wichtiger Teil ihres Lebens. Dennoch stört es sie, wenn sie ausschließlich als Mutter einer Großfamilie wahrgenommen wird. „Ich bin so viel mehr als nur Mutter“, sagt sie. Bei neuen Begegnungen seien viele Menschen zunächst vor allem über die Zahl ihrer Kinder erstaunt. Andrea möchte jedoch nicht auf diese eine Rolle reduziert werden. Ihre große Familie war nicht von Anfang an geplant. „Mit jedem Kind wurde das Leben erfüllter“, erzählt sie. Entscheidend sei für sie gewesen, dass sich das Leben für die Familie jeweils stimmig entwickelt habe.

Andrea beschreibt sich als sportlich, eigenständig und als Frau mit einem „eigenen Kopf“. Manchmal habe sie das Gefühl, nirgends richtig dazuzugehören. Das sei für sie jedoch in Ordnung. „Ich bleibe authentisch und lasse mich nicht verbiegen.“
Auch Perfektion erhebt sie nicht zum Maßstab. „Ich mache so vieles. Dadurch ist nicht alles perfekt.“
Kraft tankt sie vor allem im Sport und im Umgang mit den Tieren. Sie läuft, fährt Rad und unternimmt Ski-, Berg- und Hochtouren. „Das Laufen hat mir in anstrengenden Zeiten Kraft gegeben“, erklärt sie. Ebenso wichtig sei es für Andrea hinauszugehen und die Dinge mit Liebe zu tun. „Für mich bedeutet es, Landwirtin zu sein, mit der Natur verbunden zu sein und etwas zu erschaffen, das man wirklich brauchen kann.“
Die Landwirtin ist besonders stolz auf das, was die Familie gemeinsam geschaffen hat. Damit meint sie nicht nur den Hof und die vielen Tiere. „Ich bin stolz auf unseren Zusammenhalt, darauf, dass alle Kinder gerne nach Hause kommen und hier sein möchten.“

Zwei Vorbilder, zwei eigene Wege
Anna Schuster und Andrea Leinthaler stehen für zwei unterschiedliche Formen zeitgemäßer Landwirtschaft. Anna führt einen Bio-Milchviehbetrieb und verbindet Tierwohl mit moderner Technik und wirtschaftlichem Denken. Andrea bringt jahrzehntelanges Fachwissen in die Zucht gefährdeter Nutztierrassen ein und bewahrt damit genetische Vielfalt und landwirtschaftliches Kulturgut. Beide zeigen, dass Frauen Landwirtschaft nicht nur mittragen, sondern fachlich und unternehmerisch prägen.